Standardisierung der Projektabwicklung im kundenspezifischen Maschinen- und Anlagenbau


Im heutigen Review möchte ich die Dissertation von Ulf Wagner näher vorstellen, die sich mit der Standardisierung der Projektabwicklung im kundenspezifischen Maschinen- und Anlagenbau beschäftigt. Im Laufe der Arbeit wird ein Referenzmodell entwickelt, mit dem Prozesse und Informationsflüsse standardisiert und Hilfsmittel zu deren Unterstützung erstellt werden können. Weiterhin wird für die Einführung und Umsetzung des Referenzmodells in verschiedenen Unternehmen eine Handlungsempfehlung beschrieben. (Auszug Autorenreferat)

Kurzbewertung: 4 Sterne

Zum Inhalt


Im ersten Kapitel wird zunächst die Ausgangssituation beschrieben und es werden typische Probleme bei der Projektabwicklung genannt. Im folgenden Kapitel wird eine Abgrenzung des kundenspezifischen Maschinen- und Anlagenbaus vorgenommen und anhand der Definition des Begriffs “Projektabwicklung” auf verschiedene Vorgehensmodelle und Projektphasen eingegangen.
Im dritten Kapitel werden die Grundlagen zur Arbeit gelegt. Neben allerlei Begriffserklärungen / Definitionen (z.B. Lastenheft, Pflichtenheft, Angebots- und Vertragsunterlagen, Abnahmeprotokoll, Technische Dokumentation…) wird auch der aktuelle Stand von Wissenschaft und Technik dargelegt. Interessant ist der Blick über den Tellerand bei der Betrachtung von (20) weiteren Referenzprozessen (z.B. SCOR Modell oder ITIL). Als Grundlagen für das Referenzmodell werden: Standardisierung, Klassifizierung, Simultaneous Engineering, Requirements Engineering, Service Orientierte Architektur (SOA) und Kontinuierliche Verbesserung genannt.
In Kapitel 4 wird das entwickelte Referenzmodell, bestehend aus 6 Prozessen, beschrieben:

  • Referenzprozess 1: Angebots- und Vertragsphase Teil 1 – Analyse von Lastenheften
  • Referenzprozess 2: Angebots- und Vertragsphase Teil 2 – Angebotserstellung und Vertragsverhandlung
  • Referenzprozess 3: Entwicklung, Konstruktion und Arbeitsvorbereitung
  • Referenzprozess 4: Fertigung, Montage und Inbetriebnahme bei AN
  • Referenzprozess 5: Lieferung und Inbetriebnahme bei AG
  • Referenzprozess 6: Service und Gewährleistung (Instandsetzung, Wartung)

Als methodische Grundlage für die Erstellung des Referenzmodells wurden UML-Aktivitätsdiagramme gewählt. Im zweiten Schritt werden die Dokumente und Schnittstellen der Referenzprozesse beschrieben. Dokumente werden in Informationsbausteine strukturiert und der Informationsfluss zwischen Dokumenten wird grafisch dargestellt.
Im fünften Kapitel geht es um die Einführung und Umsetzung des Referenzmodells. Zu diesem Zweck werden ausführliche Handlungsempfehlungen ausgesprochen, beginnend bei der Situationsanalyse (in 31 Schritten) bis hin zur rechentechnischen Realisierung und dem Betrieb.
Kapitel 6 beschreibt den im Laufe der Arbeit erstellten Prototypen und enthält ein Fazit zur praktischen Verifizierung.

Stil


Der Stil entspricht natürlich dem einer wissenschaftlichen Arbeit. Nicht nur geübte Leser von wissenschaftlichen Publikationen werden angenehm überrascht über die eingängliche Art der Formulierungen sein. Klare, wenig verschachtelte Sätze, durchdachte Tabellen und grafische Elemente runden das positive Gesamtbild ab. Etwas schwieriger wird es bei der Interpretation der Prozesse und Diagramme. Wer noch nie UML-Aktivitätsdiagramme lesen musste, wird sich am Kern der Arbeit etwas länger aufhalten. Gleiches gilt für die Darstellung der Informationsbausteine und deren Verknüpfungen. Hier ist nicht nur Vorstellungskraft gefragt (die Vielzahl an Schraffierungen ist schwer unterscheidbar) sondern auch volle Sehstärke, da das Print-Exemplar leider nur im Taschenbuchformat verfügbar ist.

Fazit


Wagner hat sich für seine Dissertation kein geringeres Ziel gesetzt, als die “Weltformel” des Projektmanagements im Maschinen- und Anlagenbau zu finden. Er ist dabei nicht der erste [Vgl. M.Arndt, Modellierung eines semiformalen Referenz-Informationsmodells für das Projektmanagement in KMU, 2007, Diplomarbeit, Universität Osnabrück] und wird sicher nicht der letzte sein. Die vorgeschlagenen Prozesse (einfach und präzise) und Informationsflüsse stellen jedoch einen hervorragenden Ansatz dar und werden dem interessierten Leser ganz sicher wertvolle Inspirationen liefern.

Besonders interessant ist der Punkt “Simultaneous Engineering”, der als Art Parallelisierung oder zeitliche Überlappung von Arbeitsabläufen und Prozessen beschrieben wird. Dies kann z.B. eine parallele Datenübernahme und -umwandlung von Angaben aus dem Pflichtenheft in Abnahmeprotokolle sein. Während der Punkt “Requirements Engineering” noch nachvollziehbar über Dokumentation und Qualitätskriterien der Anforderungen informiert, driftet der Autor im Abschnitt SOA etwas (typisch für dieses Thema) ins alltägliche IT-Bla Bla ab – Schnittstellen zwischen einzelnen Programmen um Redundanzen / Fehlerquellen zu vermeiden gut und schön, aber in der Realität wird kaum ein KMU die nötigen Ressourcen und Fähigkeiten besitzen dieses Prinzip in die Tat umzusetzen. Auch die folgenden Ausführungen zu verfügbaren Softwarelösungen sind etwas zu oberflächlich geraten.

Die Dissertation ist in der wissenschaftlichen Schriftenreihe des Instituts für Betriebswissenschaften und Fabriksysteme der Technischen Universität Chemnitz erschienen (Heft 85, ISSN 0947-2495) und kann unter folgendem LINK für einen Unkostenbeitrag von nur 10,- EUR als Print-Exemplar bestellt werden.

Unbedingte Kaufempfehlung, nicht nur aufgrund des günstigen Preises!

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